Vor ein paar Tagen bei einer kleinen Familienfeier, drei Generationen am Tisch, kam das Gespräch auf das Thema Cannabis-Legalisierung. Man war sich einig, dass das eine gute Sache sei, denn zumindest die beiden jüngeren Generationen am Tisch hatten die Erfahrung gemacht, dass es wohl in der Vergangenheit keine weiterführende Schule gegeben habe, in der nicht sowieso alle gewusst hätten, wo man das Zeugs in Pausen auf dem Schulklo habe kaufen können.

Alle?

Nein, eine Nichte und ich mussten zugeben, dass wir überhaupt keine Ahnung hatten, auf welchem Schulklo es die Drogen gab. Mir hat nie jemand sowas angeboten und ich hätte nicht gewusst, wo ich hätte hingehen müssen und wen ich hätte fragen müssen.

Ob dieses Bekenntnisses sage mein Bruder im Brustton der Überzeugung: „Du hast ja auch John Denver gehört!“

Huch…

Ich weiß nicht genau, was das für ihn symbolisiert, vielleicht meine vermeintliche Weltfremdheit in unserer Jugend? Meine Naivität?

Wie auch immer, es stimmt, ich habe John Denver gehört. Exzessiv, wie man in unserer Jugend Musik halt hörte. Nicht mit Playlists nebenbei, sondern man hörte eine Schallplatte an. CDs gabs noch nicht, alles digitale war noch nicht erfunden, zu meinen John-Denver-Zeiten noch nicht mal der Walkman.

Ich besaß jedenfalls mehrere Schallplatten von John Denver. Meine Freundinnen, meine Klassenkamerad:innen hörten alle nicht John Denver, eher Bay City Rollers oder sowas. Wenn wir die Gitarren ausgepackt haben, durfte es auch mal Joan Baez oder Bob Dylan sein.

Ich gebe zu, ich hatte John Denver inzwischen vergessen. Die Schallplatten stehen im Keller, ich hatte keine Playlist auf Apple Music und auch keine auf Spotify, die Musik von John Denver enthielt.

Nach dieser unerwarteten Erinnerung an meine ferne Jugend habe ich mich aber gefragt, was das wohl für ein Typ war, dem ich damals so begeistert zuhören konnte.

Ich war sogar 1979 bei einem Konzert, das John Denver nach Dortmund in die Westfalenhalle geführt hat. Mein erstes nicht klassisches Konzert. Das Ticket klebt in einem alten Fotoalbum. 35 DM hat es gekostet.

John Denver war damals Mega-Star. Der Musiker, der meisten Schallplatten überhaupt verkauft hat. Noch heute steht er im Ranking des Plattenverkaufs-Charts mit 13 Platin Alben unter den Top 50. Das ist deswegen bemerkenswert, weil er tatsächlich nur gut 15 Jahre lang einen Plattenvertrag bei RCA hatte.

Aber zurück in die Jugend. Was hat mich überhaupt dazu gebracht, mir diese Musik anzuhören?

Ich glaube, es war eigentlich Jaques Cousteau, der das ausgelöst hat. Ich war begeistert von Cousteau und habe alle Filme über seine Arbeit auf seinem Schiff, der Calypso gesehen, die es im Fernsehen damals gab. Ich wollte gern auch Meeresbiologin werden, tauchen und forschen.

John Denver im fernen Amerika war offenbar ebenso begeistert davon wie ich, anders als ich durfte er aber 1974 auf der Calypso mitreisen. Mega-Star zu sein, hatte offenbar nicht nur Nachteile im Leben. Es gibt Filmaufnahmen von seinem Besuch auf der Calypso, es gibt ein Lied, das er dabei, dafür, darüber geschrieben hat. Das war wahrscheinlich die Ursache für meine Begeisterung.

Ich kann heute nicht mehr sagen, wie lange die Begeisterung damals angehalten hat. Ein paar Jahre waren es schon.

Aber ohne Internet, nur mit Bravo, Tageszeitung und Schallplattencovern als Informationsquelle, wusste ich über den Menschen, der die Musik gemacht hat, fast nichts. Das schien damals auch nicht so wichtig.

Heute ist das anders.

Heute wüsste ich gern, wes Geistes Kind der Mensch war, bevor ich seine Musik wieder zu meiner Musik mache. Denn, erstaunliche Erkenntnis der letzten Tage, die spricht mich immer noch an.

Also habe ich Google gefragt, mir mal John Denver zu erklären.

Und…wow…was für ein cooler Typ tauchte da auf.

An manches habe ich mich erinnert, an vieles nicht.

Da war Annie, die Frau für die er Annies Song geschrieben hat. Natürlich kannte ich die Geschichte hinter dem Lied nicht. Eigentlich die Geschichte hinter den meisten seiner Liebeslieder, die oft vom Abschied für eine Weile sprechen.

Es ist die so wortgewandt poetisch naturbildhafte und musikalische Auseinandersetzung eines frühen Babyboomers mit der schwierigen Vereinbarkeit von Beruf(ung) und Familie, wenn sich nicht nur ein Familienmitglied verwirklichen will. Aus männlicher Perspektive, eigentlich total interessant, kennt man die Auseinandersetzung doch ansonsten vor allem aus weiblicher Perspektive. Jedenfalls beschreibt er eine Situation, in der (vielleicht nicht ganz so extrem) viele Menschen der Generation Babyboomer gewesen sind.

Die Lieder handeln von der innerer Zerissenheit, davon, welchen Preis es hat, für den Job Haus, Hof und Familie zurücklassen zu müssen. Sie handeln davon, wie man in Verbindung bleiben könnte (ohne Zoom und ohne Handy) und von der Hoffnung, dass es später mal besser wird.

In Interviews hat John Denver beschrieben, dass es für ihn am schwierigsten war, seine Kinder nicht aufwachsen zu sehen, so wenig Alltag mit ihnen gehabt zu haben.

Allerdings habe nicht einen Beleg dafür gefunden, dass es ihm einen Gedanken wert gewesen wäre, den Job aufzugeben, etwas anderes im Leben zu machen, um bei der Familie sein zu können.

Statt dessen hat er sich offenbar zutiefst verpflichtet gefühlt, die Gaben, Talente und Erfolge, die ihm geschenkt waren, wie er das formuliert hat, so einzusetzen, dass andere davon profitieren konnten. Seine Musik und seine Persönlichkeit waren für ihn Türöffner.

Und das hat er genutzt.

Für seine starke politische, soziale, ökologische Agenda, die er mit großem Einsatz verfolgt hat.

Das war die eigentliche Überraschung für mich, als ich mich mit dem Menschen und Musiker befassen wollte.

Er war viel mehr als das. Er war Umweltaktivist, hat gegen den Hunger in der Welt angekämpft. Aber nicht so, wie man es heute erwarten würde, indem er an Demos teilgenommen hätte. Die gab es ja damals noch gar nicht. Jedenfalls nicht für die Umwelt und für den Klimaschutz.

Er hat statt dessen Organsiationen gegründet und er hat die bestehenden Strukturen in Amerika genutzt. Er hat nicht nur geredet, er hat gemacht.

Er hat durchaus auch viel geredet, sehr eloquent, sehr witzig, sehr ehrlich. Authentisch ist das passendste Wort, das mir dafür einfällt.

Und deswegen ist John Denver heute wieder ein Vorbild für mich.

Hinterlasse einen Kommentar