Verkehrspolitik ist Frauenpolitik

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Eine feministische Perspektive auf den Antrag von CDU und SPD zur Weiterentwicklung der verkehrspolitischen Leitlinien der Stadt Essen nach dem Grundsatz „Schnell wirksam. Sicherheitsorientiert. Wirtschaftlich.“

Warum mich Verkehrspolitik am 8. März beschäftigt

Am Internationalen Frauentag sprechen wir oft über die großen Themen: gleiche Bezahlung, politische Teilhabe oder die Verteilung von Care-Arbeit.

Doch Gleichstellung entscheidet sich auch im Alltag – auf dem Weg zur Arbeit, zur Kita oder zum Einkaufen.

Mir fällt immer wieder auf: Verkehrspolitik wird häufig so diskutiert, als sei Mobilität für alle Menschen gleich. Als würden wir alle dieselben Wege zurücklegen, dieselben Verkehrsmittel nutzen und dieselben Bedürfnisse haben.

Aber das stimmt nicht. Auch heute noch ist die Rolle, die Frauen in der Gesellschaft übernehmen oft sehr verschieden von der Rolle, die Männer spielen. Es sind immer noch mehrheitlich die Frauen, die sich um Kinder, das Funktionieren von Familien, um die Senioren in unserer Gesellschaft kümmern.

Nicht nur, dass diese wichtige gesellschaftlich unverzichtbare Arbeit zumeist nicht bezahlt wird. Sie bedingt auch, dass Frauen in ihrer Mobilität oft andere Bedarfe haben, als Männer.

Frauen bewegen sich deswegen oft anders durch die Stadt als Männer. Sie erledigen öfter mehrere Wege hintereinander als Männer – Arbeit, Kinderbetreuung, Einkaufen, Pflege von Angehörigen. Sie nutzen häufiger Bus, Bahn, Fahrrad oder gehen zu Fuß.

Deshalb ist Verkehrspolitik immer auch Frauenpolitik.

Und genau deshalb lohnt sich ein feministischer Blick auf den neuen Antrag von CDU und SPD zur Weiterentwicklung der verkehrspolitischen Leitlinien der Stadt Essen.

Wie wir uns durch unsere Stadt bewegen

Unsere Stadt funktioniert nur, weil jeden Tag unzählige Wege zurückgelegt werden. Menschen bringen ihre Kinder zur Schule, fahren zur Arbeit, kümmern sich um Angehörige, treffen Freundinnen und Freunde oder erledigen Einkäufe.

Doch nicht alle bewegen sich gleich durch die Stadt.

Viele Frauen organisieren ihren Alltag in sogenannten Wegeketten: mehrere kurze Wege hintereinander statt einer direkten Pendelstrecke. Für sie sind sichere Gehwege, gute Bus- und Bahnverbindungen und sichere Radwege besonders wichtig, weil viele dieser Wege im Quartier zurückgelegt werden und deswegen sehr gut zu Fuß oder mit dem Rad, per ÖPNV zu erledigen sind.

Wenn Straßen laut, gefährlich oder unübersichtlich sind, schränkt das ihre Mobilität stärker ein. Wenn Haltestellen schlecht beleuchtet sind, wenn Radwege fehlen oder wenn Fußwege zu schmal sind, betrifft das nicht alle Menschen gleichermaßen.

Verkehrspolitik muss sich deshalb auch der Frage stellen, wer sich in einer Stadt frei bewegen kann – und wer nicht.

Der neue Essener Antrag setzt vor allem auf drei Prinzipien: schnell wirksame Maßnahmen, mehr Sicherheit und wirtschaftliche Lösungen.

Das ist nachvollziehbar. Der Fokus liegt auf der Sanierung bestehender Infrastruktur, auf Schulwegsicherheit und auf punktuellen Verbesserungen im öffentlichen Verkehr.

Doch gleichzeitig wird festgelegt, dass Einschränkungen für den Autoverkehr möglichst vermieden werden sollen und dass Maßnahmen nicht zu Kapazitätsverlusten auf Hauptverkehrsachsen führen dürfen.

Das setzt den Fokus nicht auf die für Frauen so wichtigen Wegebeziehungen, sondern genau auf die Verkehrsachsen, die für die sehr männerdominierte Mobilität der linearen Wege mit dem Auto wichtig sind.

Damit bleibt eine Struktur bestehen, die viele Städte seit Jahrzehnten prägt: der strukturelle Vorrang des Autos im öffentlichen Raum.

Warum wir jetzt eine feministische Perspektive brauchen

Der Internationale Frauentag erinnert uns daran, dass Gleichstellung im Alltag passieren muss.

Gerade in der Verkehrspolitik fehlen häufig einfache Fragen:

Sind Gehwege breit genug für für die Bedarfe von Familien?
Sind Haltestellen des ÖPNV sicher und gut beleuchtet?
Gibt es sichere Radwege für Kinder und Familien in den Quartieren und zwischen den Quartieren?
Kommen Menschen auch ohne Auto zuverlässig durch die Stadt?

Der aktuelle Antrag plädiert durchaus für wichtige Schritte, etwa die Verbesserung der Schulwegsicherheit und den barrierefreien Ausbau von Haltestellen.

Gleichzeitig fehlt eine zentrale Perspektive.

Die nach der Lebensrealität vieler Frauen im Alltag.

Wenn Verkehrspolitik nur Verkehrsfluss und Infrastruktur betrachtet, übersieht sie einen großen Teil der Realität unserer Stadt.

Eine feministische Verkehrspolitik würde nicht nur fragen, wie Verkehr effizient organisiert werden kann.

Sie würde auch fragen, für wen unsere Stadt eigentlich funktioniert.

Sie würde vor allem auch fragen, wie sie für diejenigen besser funktioniert, die ihre Mobilität nicht nur auf den Weg von A nach B auf einer Hauptverkehrsachse beschränken können.

Der Internationale Frauentag ist ein guter Anlass, diese Frage neu zu stellen.

Denn eine Stadt, die für Frauen gut funktioniert, funktioniert am Ende für alle besser.

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